
„Niedrige Preise in jedem Gang“, wirbt die Aldi-Filiale in der New Yorker Bronx – dem wohl letzten Ghetto der Stadt.
Jan Klauth
- Aldi expandiert schnell in den USA und plant bis 2028 3200 Filialen.
- Das Unternehmen nutzt die Schwäche der Konkurrenz und investiert neun Milliarden US-Dollar in Logistik und Filialnetz.
- Die steigenden Lebenshaltungskosten treiben immer mehr Kunden zu Aldi, der auch in wohlhabenden Gegenden präsent ist.
Die Third Avenue im Süden der New Yorker Bronx. Ein spanisches Sprachengewirr weht über die Straße, der Duft von gebratenen Kebab-Spießen liegt in der Luft, Frauen in Kopftüchern holen ihre Kinder von der Schule ab.
Vor der Aldi-Filiale hat sich ein Menschenpulk gebildet, zwei Sicherheitsmänner rufen Anweisungen umher. Die ethnisch stark durchmischte Gegend am nördlichen Rand New Yorks ist einer der einkommensschwächsten in der amerikanischen Metropole: Man könnte auch sagen, die South Bronx ist eines der letzten Ghettos der Stadt.
Dass sich Supermärkte mit Preisen unter dem Durchschnittsniveau hier großer Beliebtheit erfreuen, ist keine Überraschung. Doch die Kundenbasis des deutschen Unternehmens Aldi Süd geht weit über die armen Stadtteile in den US-Städten hinaus. Längst ist aus dem Außenseiter ein dominanter Player auf dem Markt geworden, der sich im Aufwind befindet, weil er die Schwäche alteingesessener Konkurrenten gnadenlos ausnutzt.
Lest auch

Ich war bei Lidl in New York einkaufen: Diese Produkte sind teurer und diese günstiger als in Deutschland
Nach der Übernahme von 390 Filialen der Ketten Harveys Supermarket und Winn-Dixie im Vorjahr sollen laut Unternehmensangaben rund 220 Standorte zu Aldi-Märkten umgebaut werden. Auch die mehr als 600 amerikanischen Filialen des beliebten Supermarktes Trader Joe’s gehören seit einigen Jahren zu Aldi – allerdings zu Aldi Nord, wo man sonst mit dem US-Geschäft nichts zu tun hat.
Dazu kommen neue Vertriebszentren in Florida, Arizona und Colorado. Bis zum Jahr 2028 strebt Aldi insgesamt 3200 amerikanische Filialen an: Das 1913 von Karl und Theodor Albrecht gegründete Unternehmen wäre damit der drittgrößte Supermarktbetreiber in den USA hinter Walmart und Kroger.
Größter Vorteil des Discounters aus Mülheim an der Ruhr: Der Einkauf ist schlicht weniger teuer als in den herkömmlichen Lebensmittelmärkten und privat geführten Delis. Und damit hält das Unternehmen nicht hinter dem Berg.
Test-Einkauf bei Aldi in New York
„Lowest prices of any national grocery store“ (deutsch: „Niedrigste Preise einer bundesweit agierenden Supermarkt-Kette“), wirbt die Filiale in der Bronx. Über dem Fleischregal hängt ein Banner in Englisch und Spanisch: „Ausschließlich hohe Qualität zu unmöglich niedrigen Preisen“.
Und tatsächlich: Der Test-Einkauf von BUSINESS INSIDER (BI) in New York zeigt, dass die meisten Produkte weit unter dem Preisniveau von Target, Walmart oder gar Whole Foods liegen. 24 Lebensmittel summieren sich auf insgesamt 58,35 Dollar, also umgerechnet 49,53 Euro.
Interessanterweise gibt es dabei sowohl Ausreißer nach oben als auch nach unten. 700 Gramm Kartoffeln beispielsweise schlagen mit happigen 4,39 Dollar (etwa 3,73 Euro) zu Buche. Auch die Packung grüner Trauben für 4,99 Dollar (etwa 4,24 Euro) wirkt überteuert. Schnäppchen sind hingegen eine Avocado für 49 Cent (etwa 0,42 Euro), 340 Gramm Tiefkühl-Brokkoli für 1,09 Dollar (etwa 0,93 Euro) oder eine halbe Gallone Milch (1,9 Liter) für 1,98 Dollar (etwa 1,68 Euro).

Das gibt es in den USA bei Aldi für umgerechnet 49,53 Euro.
Jan Klauth
Zwar mag Aldi für einige Amerikaner wie ein Newcomer auf dem konsumstärksten Verbrauchermarkt der Welt wirken. Tatsächlich aber betreibt der deutsche Discounter schon seit den 1970er-Jahren Filialen in den USA. Das fiel lange kaum jemanden auf, Aldi fristete in Nordamerika ein Nischendasein.
Heute, im 50. Jubiläumsjahr seiner Präsenz, hat sich das Bild radikal gedreht: Aldi betreibt derzeit über 2500 Filialen in 38 Bundesstaaten. Mehr als 180 Neueröffnungen stehen allein in diesem Jahr an. Dieser Vorstoß ist Teil eines ambitionierten Fünf-Jahres-Plans, im Zuge dessen Aldi Süd bis 2028 rund neun Milliarden US-Dollar investiert, um Logistik, Filialnetz und Online-Angebote zu skalieren.
Aldis Erfolg auf dem US-Markt
Mit dem Stolz über den Erfolg im US-Markt hält man sich bei Aldi nicht zurück. „Mit der Expansion quer durch das Land erwirbt sich Aldi das Vertrauen von Konsumenten in mehr Städten als je zuvor“, sagt Jason Hart, US-Chef von Aldi Süd.
Jeder dritte US-Haushalt hat nach Firmenangaben im vergangenen Jahr bei Aldi eingekauft. Schätzungen zufolge lag der Umsatz von Aldi 2025 bei 27 Milliarden Dollar (etwa 22,9 Milliarden Euro). Davon unabhängig erzielten die Trader Joe’s Filialen, unter dem Dach von Aldi Nord, rund 13 Milliarden Dollar (etwa 11 Milliarden Euro) Umsatz.
Dass es für das Lebensmittelunternehmen derart gut läuft, liegt weniger am „Made-in-Germany“-Image. Tatsächlich gibt sich Aldi in den USA auffallend unauffällig, was die Herkunft angeht. Im Gegenteil: Kunden sollen sich fühlen, als handle es sich um den lokalen Händler von nebenan. „Proudly sourced from U.S. Farms“ („Stolz bei US-Bauernhöfen eingekauft“) steht auf einer Fleischpackung im Aldi in der Bronx, die Wand am Ausgang ziert ein riesiges Schwarz-Weiß-Bild der New Yorker Skyline.

Aldi-Filiale im Süden der New Yorker Bronx.
Jan Klauth
Wer allerdings darauf achtet, erkennt – wie auch beim Konkurrenten Lidl – einige als deutsch beworbene Produkte im Sortiment. Etwa das „German Style Sauerkraut“: Neben einem Bild von Schloss Neuschwanstein prangt ein schwarz-rot-goldenes „Made in Germany“-Logo auf dem Glas.
In der Getränkeabteilung lockt der Viererpack Wernesgrüner Dosenbier für 7,29 Dollar, das als „Pils Legende“ beworben wird. Weiter hinten im Laden stapeln sich in einem Karton mit der Aufschrift „Deutsche Küche“ Rotkohl-Gläser.

Deutsche Küche: Das Sauerkraut bei Aldi ist ein echtes Schnäppchen.
Jan Klauth
Es sind aber weniger die Produkte, sondern eher das Geschäftsmodell, mit dem sich Aldi von US-Wettbewerbern abhebt. Nur 1500 bis 2000 Artikel pro Filiale, hauptsächlich Eigenmarken, spartanische Einrichtung ohne überflüssigen Service und Pfand für Einkaufswagen. Kosmetika gibt es kaum, auch das Getränkeangebot ist auf ein Minimum reduziert, was Platz spart.
Andere Anbieter wie etwa Whole Foods fokussieren sich auf hochpreisige Ware, oft mit „Organic“-Labeln – also Bio-Produkte. Für große Teile der amerikanischen Haushalte sind sie damit unerschwinglich. Die Filialen des Marktführers Walmarts hingegen haben meist eine Fläche von 17.000 Quadratmetern oder gar deutlich mehr und liegen deshalb meist außerhalb der Stadtzentren entlang der Highways.
Aldi und Lidl mit anderem Konzept
Aldi und Lidl hingegen setzten auf den gegenteiligen Effekt. Weniger Fläche, ein überschaubares Angebot und deutlich weniger Angestellte – im Gegensatz zu vielen US-Märkten müssen die Kunden ihre Einkäufe selbst einpacken – bringen Kostenvorteile.
Diese Effizienz senkt Kosten pro Quadratmeter und ermöglicht Preise unter dem Marktdurchschnitt. Der Nachteil: Die Filialen wirken meist weniger aufgeräumt und sauber als die Konkurrenz. Lange Schlangen und halbleere Obst-Regale sind keine Seltenheit.
Zwar ist auch Lidl auf Wachstumskurs in den USA, allerdings nur, was das Filialnetz angeht. Weil die Unternehmenszahlen unzufrieden stimmen, musste US-Chef Joel Rampoldt seinen Posten nach nur zweieinhalb Jahren räumen.

Getränke im New Yorker Aldi.
Jan Klauth
Bis ein neuer Manager gefunden ist, soll der bisherige Vertriebschef Marco Giudici die US-Tochter führen. Giudici war erst letztes Jahr aus der Lidl-Zentrale in Neckarsulm in die USA entsandt worden, um Rampoldt zu unterstützen.
Trotz internen Ärgers sind auch für Lidl die Rahmenbedingungen in den USA günstig. Denn Kunden in den USA würden weniger nach Gewohnheit, sondern zunehmend nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis einkaufen, sagt Ökonom und Einzelhandelsexpertin Suzy Monford gegenüber BI. Die Anziehungskraft der deutschen Discounter sei angesichts der „Afordabiltiy Crisis“ – also der enorm gestiegenen Lebenshaltungskosten – enorm.
Neuer Aldi im New Yorker Luxus-Wohnturm
So sind die Verbraucherpreise seit Anfang 2021 um fast ein Drittel gestiegen, die Löhne haben bis heute nicht aufgeholt. Zwar sind einzelne Produkte, wie etwa Eier oder Benzin tatsächlich wieder günstiger geworden, bei den allermeisten Waren jedoch zahlen die Amerikaner mehr als vor einem Jahr, wie eine Auswertung des „Wall Street Journals“ zeigt.
Kaffee und Rindfleisch beispielsweise sind bis zu 20 Prozent teurer geworden, seit Donald Trump im Amt ist – eine Folge seiner Zoll-Politik. Die Erzählung von der „Biden-Inflation“, die Trump stets bemüht hat, lässt sich nur noch schwer aufrechterhalten.
Dass das Kaufkraft-Problem sich tief in die amerikanische Gesellschaft zieht, zeigt das stetig wachsende Filialnetz von Aldi. Die steigenden Lebenshaltungskosten hätten Millionen Menschen zu Aldi-Kunden gemacht, sagt Atty McGrath, die die Geschäfte in den USA führt. Längst haben auch Ableger in Orten wie dem kalifornischen Palm Springs eröffnet: eine der einkommensstarken Gemeinden des Landes.

„Deutsche Küche“ bei Aldi in den USA.
Jan Klauth
Und auch in New York, wo unlängst der selbsterklärte Sozialist Zohran Mamdani die Bürgermeisterwahl gewann und von „kostenlosen Supermärkten“ fantasierte, ist Aldi längst nicht mehr nur in den ärmeren Stadtteilen präsent. Auch im Zentrum Brooklyns, dem wohl gentrifiziertesten Stadtteil des „Big Apple“ freut sich eine Filiale großer Beliebtheit.
Als Nächstes steht eine Aldi-Eröffnung im Herzen Manhattans an, am Times-Square. Der „Flagship-Store“ soll im Erdgeschoss eines 32-stöckigen Luxus-Wohnturms namens „The Ellery“ die Türen öffnen. Von einem „wichtigen Meilenstein bei der Umwandlung des Times-Square-Viertels in eine erstklassige Wohnlage“ ist dabei die Rede. Die Erfolgsgeschichte des deutschen Unternehmens in Amerika scheint noch lange nicht zu Ende erzählt.
Lest auch

New York ruft „Müll-Revolution“ aus: Warum viele Amerikaner jetzt erstmalig Mülltonnen und Putzlappen nutzen



